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"Der Mensch lebt und stirbt in dem, was er sieht, aber er sieht nur was er träumt" sagte Paul Valery. Definiert man Träume als bildhafte Vorstellungen und Erlebnisse mit ungeordnetem Zeit- und Persönlichkeitsbewußtsein, so erhält man einen Hinweis auf die Bilderwelt der Künstlerin Ingrid Pototschnik. Wie Träume geben ihre Bilder Aufschluß über die Lebensproblematik dieses Menschen. Einerseits ein Bildgrund, nach Harmonie und Einheit strebend, auf den Zeichen gesetzt sind, die einer fremden Kultur zu entstammen scheinen, mit schlafwandlerischer Sicherheit gesetzt als trüge die Künstlerin die ihr geläufigen Schriftzeichen einer fernen Vergangenheit in sich. Vielleicht gleichsam als Medium einer zu überbringenden Botschaft. Es scheint eine Botschaft ihrer selbst gewählten Einsamkeit, die die Voraussetzung von Freiheit und damit schöpferischer Arbeit überhaupt ist. Sie macht diese Einsamkeit zum Privileg. In ihrem künstlerischen Werdegang macht das In-Sich-Hineinhören, die völlige Isolation und Besinnung auf ihr Innerstes diese Arbeitsweise erst möglich.

Als zweite Komponente die Dominanz von Schwarz, Trauer und Verweigerung, häufig Bildträger in Frau Pototschniks Werk. Andererseits glühen einige Werke im ständigen Widerspruch zum Schwarz in leuchtenden Farben auf. Ist es ein Hervorbrechen, ein Ausspeien, ein aus dem Zorn heraus Arbeiten, einen Weg suchen, Gefühle direkt ausdrücken zu können? Das alles kann ich kaum beantworten, obwohl mich eine mehr als 20jährige Freundschaft mit der Künstlerin verbindet und ich ihren Werdegang genau kenne. Verfolgt man ihn zurück, so steht am Anfang eine junge Frau, die sich konsequent auf den Weg macht in eine künstlerische Entwicklung. Ein Talent, das bald aus den Malkursen herauswächst und für die ihre künstlerische Entfaltung absolute Priorität hat. Sie studiert bei Prof. Robert Schmitt, August Svoboda, Walter Csuvala und zuletzt bei Paul Rotterdam. Sie besucht Sommerakademien und wird Mitglied verschiedener Künstlervereinigungen. Sie hat erste Erfolge und gibt sich nicht damit zufrieden, das Aquarell so zu beherrschen, daß ihr die Anerkennung nicht versagt bleibt. Immer wieder löst sie sich ab, um nach Neuem zu suchen.

Marie Bashkirtseff, eine Malerin des 19. Jahrhunderts, schrieb in ihre Tagebücher: "Ich sehe nicht ab, wie es mit meiner Malerei werden wird. Man ist niemals groß, solange man nicht einen neuen Weg, seine eigene Natur, Mittel, seine besonderen Eindrücke wiederzugeben gefunden hat." Frau Pototschnik greift immer wieder zu neuen Techniken, experimentiert und findet ganz eigene Mittel, individuelle Mittel in bezug auf Materialien, Komposition und Bildsprache. Eine Bildsprache, in der Kognitives und Affektives gleichermaßen ihren Platz haben: Überlegung und Gefühl, Kopf und Herz, als ob auch ihre Augen ein Herz besäßen.

Als Kursleiterin sucht sie Kontakte zu Menschen, die Zugang zu kreativem Schaffen finden wollen. Energieaustausch und feedback, ein Dialog, der anderen Mut macht, sich auf die Malerei und auf sich selbst einzulassen. Damit schließt sich der Kreis: Frau Pototschnik hat sich auf sich selbst eingelassen - als einzig richtigen Weg. Sie hat Erfolge, die ihr keineswegs Selbstbestätigung bedeuten, sondern nur Stationen auf ihrem Weg, den sie unbeirrt gehen muß. Denn auf dem Fundament ihrer Professionalität, die das Ergebnis ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Kunst ist, schöpft sie aus einem Reservoir "innerer Bilder", die nach außen drängen. Innere Bilder, die sie träumt.

Mag. Solveig Neunteufel-Arnold, Knittelfeld im Juni 1999
... von Blatt zu Blatt wurde sie einfacher, abstrakter, aber immer voll des seelischen Ausdrucks! - Als die Acrylfarbe ihren Reiz auf sie ausübte, wurden die Bildflächen strukturiert, zeigten Bewegung und Gegenbewegung, aber auch gleichzeitig eine Zurücknahme der Farbigkeit, ja fast eine Hinführung zur monochromen Malerei, das heißt, Strukturen durch Licht und Schatten ergaben eine neue Welt für ihre Gefühle und Gedanken. Die Belastungen des Alltags und des Lebens wurden verwandelt in Chiffren und Zeichen und zeigen uns heute "Strukturen des Lebens". Das ist ihre Welt: Wenn Sie allein in Ihrem Arbeitsraum ist, eingehüllt von der Musik (denn mit Musik malt man intensiver); wenn sie sich der Landschaft widmet, dann ist Farbigkeit und Licht das Gestaltungsmoment, aber es erfolgt auch gleichzeitig eine Reduktion des Geschauten hin auf das Wesentliche. Sie hat nicht nur den Blick für das Wesentliche, sie fühlt auch URSÄCHLICHES: Sie ist eine Frau, die die Landschaft "empfängt" - weil sie hingegeben ist ...

Prof. August F. Svoboda im April 1994
Schwarz ist für Ingrid Pototschnik eine Farbe von großer Bedeutung und geht für sie über den allgemein gebräuchlichen Symbolgehalt hinaus. Sie empfindet das Schwarz als integrierenden Teil der Harmonie, die sie im Zusammenklang mit anderen Farben anstrebt. Es ist ihr wichtig, daß in ihren gegenstandslosen Arbeiten die großzügig gestalteten Flächen und Strukturen übereinstimmen und man darf und soll die Bilder auch angreifen, da die Plastizität und Oberflächengestaltung nicht nur der Licht- und Schattenwirkung dienen. Immer wieder finden sich auch latente Erinnerungen an ihre Tätigkeit als Goldschmiedin. Die weitgehende Abstraktion der Bildinhalte beruht auf emotionaler Grundlage und sie erreicht damit sowohl optisch wie auch gefühlsmäßig eine große Tiefe. Daß Ingrid Pototschnik auch gegenständliche Bilder in eminent malerischer Auffassung geschaffen hat, beweisen Graphiken und ganz besonders die ausgezeichneten Aquarelle, die sie in Venedig und in einem Steinbruch gemalt hat.

Dr. Annedore Dedekind, Kunsthistorikerin, Judenburg, 1999
Malerei als Erlebnis

Die Malerei von Ingrid Pototschnik entwickelte sich aus dem Realismus. Angeregt durch die Natur setzt sie formale Strukturen und Formen, empfunden durch Farberfahrung, die durch Auftragen von Spachtelmasse und/oder Enkaustik zu Reliefbildern führen. Raum und Zeit werden in Schwebe gehalten; das Davor und Dahinter sensibilisiert. Monochrome Flächen unterstützen Linie, Fläche und Plastizismus und sind Quelle eines illusionistischen Raumes, der den Blick auf den seelischen Zustand des Schöpfers erkennen läßt. Durch Erde und Zeichen will sie das Gefühl von der Welt realisieren. In der Kunst manifestiert sich Erkenntnis als Gefühl.

Gerhard Cervenka, Wien 1991
Ingrid Pototschnik, die ehrliche steirische Malerin

Im keltischen Horoskop ist sie eine Trauerweide, sehr empfindsam, geschmeidig, anschmiegsam, aber sehr schwer entwurzelbar. "Offensein in der Malerei" ist für Ingrid Pototschnik und Offenheit im Leben ist eines der Grundprinzipien dieser Knittelfelder Malerin.

Ihr Atelier ist eine zeitgenössische und kulturelle Fundgrube, die aber nur von wirklich kunstinteressierten Leuten aufgesucht wird. Schon seit vielen Jahren ist diese introvertierte Künstlerin bekannt. Ihre Arbeiten sind sensationell in ihrer Ausdruckskraft, in der Verwendung der Farben, in der Bildaufteilung und in der Aussage der Bilder. Ihr künstlerisches Management, sich selbst bekannt zu machen, selbst ihre Werke zu verkaufen, diese Gabe hat sie leider nicht. Ingrid Pototschnik lebt zurückgezogen am Lande. Am Rande des kleinen Gartens steht ein ehemaliger Stall, ihr Atelier. Bestens dafür adaptiert, gekonnt fachmännisch eingerichtet und eigentlich ihr ständiger Lebensraum. Die Arbeit, das Malen kommt zuerst...

1949 geboren, hat die gelernte Goldschmiedin in der Malerei ihre Fähigkeiten und Maltechniken nach Studien bei den Professoren Robert Schmitt, August Svoboda und Paul Rotterdam weiterentwickelt und verfeinert.

Ihr damaliges inneres Bedürfnis, die Stimmungen der Seele und die der Umwelt, auch beides zusammen, der Öffentlichkeit auf Bildern mitzuteilen war so stark, daß der gelernte Beruf zurückstehen mußte. "Lieber keinen regelmäßigen Lohn, dafür aber die innere Befriedigung, etwas eigenes zu schaffen. Die künstlerische Weiterbildung ist zur ständigen Begleitung geworden, das gilt auch heute noch. Sommerakademien in Innsbruck und Graz hat sie absolviert, an Graphikwettbewerben teilgenommen und Studienreisen nach Frankreich, Italien, Griechenland, Türkei und Spanien unternommen.

Unter Anleitung von Ingrid Pototschnik können Kursteilnehmer in Venedig aquarellieren erlernen, ganzjährig gibt es Kurse, auch mit anderen Techniken, in vielen Orten in der Steiermark. Sie leitet die Kursseminare und gibt Wissen und Motivation an andere weiter. Die Künstlerin ist Mitglied der Berufsvereinigung bildender Künstler Österreichs, der Galerie Yin Yang in Graz und Artvillage. Ihre Werke sind im Besitz des BM für Unterricht und Kunst der Landesregierung Klagenfurt, des AHK - Wien, der Wirtschaftskammer Graz, im Kulturamt Knittelfeld und Eibiswald, bei Geldinstituten und in Privatbesitz. Sie wurde ins Künstlerarchiv der Essl - Sammlung in Klosterneuburg aufgenommen. Bei "Licht ins Dunkel" wurde eines ihrer Werke von einem Vorarlberger Arzt ersteigert.

Die Künstlerin arbeitet mit Acryl, aber auch in Aquarell und Mischtechniken. Auftragsmalereien nimmt sie kaum an. Zitat: "Kunst ist eine Schöpfung der eigenen Phantasie und Ästhetik, die Kunst tragen wir in uns. Oft ist der Weg zur Kunst ein bitterer Kreuzweg, vorbei an Verzweiflung und Enttäuschung. Aber mit Ehrlichkeit - malen um zu malen - ist dieser Weg zu schaffen." Die Ehrlichkeit von Ingrid Pototschnik zeigt sich auch bei den Preisen ihrer Werke.

Peter J. Schriefl, 1998